Aktive Imagination

Aktives Bilderleben

Wie der Traum ist auch die Aktive Imagination ein Tor zum Unbewussten.

Die moderne Forschung der Naturwissenschaften, insbesondere der Physik,  öffnet auch dem kritischen, zweifelnden Geist Erkenntnisse, die unser Weltbild verändern. Die Begriffe von Raum und Zeit sind relativ. Alles ist vernetzt. Nichts geschieht ohne zeitgleiche Auswirkung im gesamten Universum. Es bewahrheitet sich der alte Grundsatz der alchemistischen Mystik:

„Das, was außen ist , ist wie das, was innen ist;
das, was oben ist, ist wie das, was unten ist;
das, was vorne ist, ist wie das, was hinten ist;
das, was rechts ist, ist wie das, was links ist.“

Die Innenwahrnehmung mit den Bildern, die aus dem Unbewussten aufsteigen, ist bedeutsam für die äußere Realität. Außen und Innen entsprechen sich.
Das Wissen darum ließ in allen großen Kulturen die Menschen aufbrechen, in ihren Initiationswegen einen Zugang zu suchen zu diesen anderen, dem bewussten Denken nicht zugänglichen Dimensionen. Es trieb sie die Sehnsucht nach dem eigenen Ursprung, nach dem Lebenssinn, die Frage nach dem „Woher“ und „Wohin“.

C. G. Jung ist in seinen  tiefenpsychologischen Forschungen jenseits des bewussten Erlebens dieser ganzheitlichen Dimension begegnet. Das Bewusstsein kann sie nicht erfassen sondern nur partiell erfahren, z.B. in Symbolen, Träumen und Imaginationen. Er nannte sie „das Selbst“, den Kern, das, als was wir geschaffen sind, vollkommen und umfassend mit allen unseren Potenzen als Teil des großen Ganzen. Das kleine bewusst erlebte „Ich“, das Ego, ist damit nicht identisch, kann sich der Erfahrung  des Selbst auf verschiedenen Wegen und nur schrittweise nähern, um davon nicht überwältigt zu werden.

Einer dieser Wege ist die von C. G. Jung entwickelte Aktive Imagination. Nach einer entspannenden, in die innere Stille führenden Einführung öffnet sich der Einzelne in Sammlung mit Achtsamkeit, Nüchternheit, und Wertschätzung dieser inneren  Bilderwelt. Eine ihn bewegende Frage, ein rätselhafter Traum, ein Wort des Leiters oder einfach die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit helfen ihm, sich auf die auftauchenden Bilder zu zentrieren und einzulassen. Fühlt er sich von einem Bild oder Geschehen angesprochen, tritt er in seiner Vorstellung aktiv handelnd -  also mit seinem Ich verantwortlich beteiligt – in das Bild ein. Eine Handlung entwickelt sich.

Aktive Imagination ist also keine passive Wahrnehmung in einem tranceartigen Zustand, auch keine Phantasiereise, sondern eher ein aktives Wach-Träumen ähnlich den Visualisierungstechniken der Tibeter. Dieses ganzheitliche Geschehen im inneren Drama enthüllt dem Übenden Möglichkeiten, Gegensätzlichkeiten, konfrontiert ihn in seinem bisherigen Selbstbild mit den Grenzen seines bewussten Ichs und der Unendlichkeit des Kosmos - auch in ihm.
Im sich daran unmittelbar anschließenden kreativen Gestalten – noch vor der Umsetzung in Worte – vertieft sich das Erleben bis hinein ins Körperliche.

Es geht also in der Entdeckung der Innenwelt, im Unbekannten jenseits unserer Alltagserfahrungen letztlich um die Begegnung mit dem eigenen Ursprung, dem Selbst, um eine bewusste Auseinandersetzung mit der Innenwelt. Es handelt sich um mehr als eine Visualisierungstechnik. Jung nennt sie eine „phantasia vera“, eine „wahre Fantasie“, die uns verändern kann, wenn wir uns darauf einlassen. Sie hilft uns, zu uns selbst, zu unserem Lebenssinn zu finden, zu dem, was wir im Kern schon immer waren, was als Möglichkeit entwickelt und gelebt werden will.

Es handelt sich in dieser Arbeit nicht um eine Therapie.
Eine notwendige Therapie kann durch sie nicht ersetzt werden.

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Dr. med.
Rosemarie Basting

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